Neulich auf dem Spielplatz tobten die Jungs übers Klettergerüst, spielten Fange und hatten Spaß. Die zwei Großen waren die ältesten dort anwesenden Kinder. Ihr Weg führte auch immer wieder über die ziemlich hohe Rutsche. Dabei versuchten sie dem Anderen zu entkommen und dabei möglichst schnell zu sein. Ich ließ sie natürlich machen, bat von Zeit zu Zeit um Rücksicht für die anderen wesentlich kleineren Kinder. Und dann war da so eine Situation: K1 stand am Absatz der Rutsche, wo ein kleineres Kind (vielleicht 4 Jahre alt) offensichtlich mit sich rang, ob es nun wagen sollte in die Arme der, am Ende der Rutsche stehenden, Mutter zu rutschen, oder es sein zu lassen. Im selben Moment drängelte sich mein Kind vorbei, mit den Worten: “Boah, traust Du Dich nicht? Guck mal, ein Angsthase!“.

Mir war das sofort verdammt unangenehm. Eingegriffen habe ich nicht,  sondern wartete, bis die Kinder zwischenzeitlich bei mir und K4 vorbeischauten. Ich erklärte, dass ich die Situation beobachtet hätte und das, aus vielen Gründen, ziemlich unfair fand. Versuchte nahe zu bringen, dass ich verstehe, warum er in dem Moment unbedacht reagierte, aber ich mir wünschen würde, dass er sich überlegt, wie sich das andere Kind gefühlt hat und in Zukunft versucht darauf zu achten.
Das kleinere Kind rutschte nicht mehr und kletterte weinend vom Gerüst. Sie verließen den Spielplatz kurze Zeit später, mit offensichtlichem Kopfschütteln der Mutter in meine Richtung.

Wahrscheinlich dachte sie so ähnlich wie Mo von 2KindChaos, in ihrem Beitrag Impulsgebloggt: Rant auf Rücksichtslosigkeit. Selbstbewusster, rücksichtsloser Junge, der von seinen Eltern womöglich genau das vorgelebt bekommt. Und dann sagt die noch nicht mal was.

Verletzt

Als ich den Artikel gestern las war ich zutiefst getroffen und fühlte mich verletzt. Sofort kam mir diese Situation in den Sinn. Ich wusste auch, das war sicher nicht die erste und letzte Begebenheit, in der eines meiner Kinder verletztend gegenüber einem offensichtlich Schwächeren, reagiert.

Vor allem die Passage über die zukünftige Vaterschaft verletzte mich!

Sondern das werden doch die Väter, über die es später heißt „Er lässt mich mit den Kindern allein“, „ich habe diese Unterstützung, die Du hast, nicht“. Das werden doch die Väter, die null unterstützen oder nicht in dem Ausmaß, in dem es gebraucht würde in einer gleichwürdigen Familie, in der niemand unter die Räder kommen soll.

Hingebung

Vorleben

Wir haben vier Kinder. Vier sehr unterschiedliche Kinder. Vier Jungen. Wir haben selbstbewusste Kinder und auch Eines, welches ähnlich wie die große Tochter von Mo sehr sensibel und schüchtern ist, vor allem in ungewohnter Umgebung und neuen Situationen. Nicht hochsensibel, aber schnell überfordert.

Wir begleiten unsere Kinder, bedürfnisorientiert, mit Liebe und mit Allem was da kommt. Das kostet viel Kraft und wir hoffen, dass sie zu empathischen, selbstbewussten und verantwortungsbewussten Menschen heranwachsen.

In unserem Patchworkgefüge sind da nicht nur mein Mann und ich in der Verantwortung, sondern auch noch mein Expartner, dessen Partnerin, die Großeltern unsere Freunde … Ich finde, dass wir das hier eigentlich ganz gut machen. Klar gibt es sicher die ein oder anderen Blickwinkel, aber hier ist niemand der Meinung, die Kinder müssten, weil sind ja Jungs, zu sprücheklopfenden Machos erzogen werden, die später die Kohle ranschaffen und der/dem Partner/in die Hausarbeit überlassen, irgendwann groß Karriere machen usw.

Die Männer im Leben der Kinder sind da ziemlich tolle Vorbilder! Und die Großen, mit denen ich immer ehrlich gewesen bin, was Trennung und deren Gründe anging, wissen auch, so darf man nicht mit anderen Menschen umgehen, das hinterlässt Spuren, macht traurig und unglücklich.

Der liebevolle Rüpel

Mein großer, vorpubertierender Junge ist ein ziemlich tolles, liebevolles Kind. Ein großer Bruder, der Kuscheleinheiten schenkt und gern raufft.

Spontane Liebespost von K1 für den kleinen Bruder

Er ist auch ein großer Sturkopf und hat große Schwierigkeiten Wut und Ärger zu kanalisieren. Seit der Schulzeit gerät er deswegen sehr oft in den unterschiedlichsten Situationen in Schwierigkeiten und kämpft täglich gegen den vermeintlichen Stempel des Rüpels. Er braust schnell auf, kann sich dann schwer abgrenzen und wird ausfallend und unfair. Charaktereigenschaft oder Überforderung, es ist wohl von Allem ein bisschen.

Und obwohl es da auch die empathische, ruhige geduldige Seite von ihm gibt, bleibt so Manchem der unglückliche Eindruck des vorlauten Raufboldes. Das macht mich traurig. Für ihn! Und es lässt mich oft verzweifeln.

Sicher weiß ich: Wir leben das nicht vor! Aber ich weiß auch: Wir, die Familie sind nicht die einzigen Einflüsse. Schule, Hort, Freunde, Sport … alles was von Außen auf das Kind trifft hat Gewicht. Da spielt unser Leben, Krisen und Streit genau so eine Rolle, wie Erfahrung im Umgang mit anderen Kinder, Erwachsenen, Bezugspersonen – hinterlassen Spuren. Ich kann das gegebenenfalls ausbügeln aber nicht ausradieren.

Das was andere sehen ist vielleicht auch das, was er sie sehen lässt. Weil er sich momentan so am Besten schützt. Das ist in ein paar Monaten, Jahren vielleicht ganz anders.

In der zweiten Klasse ging es darum, dass drei Kinder von der Klassenfahrt ausgeschlossen werden. Mein Sohn war einer davon und in einer Elternversammlung haben andere Eltern, die mein Kind nur aus Erzählungen, in denen es um Situationen ging, bei denen er aus der Haut gefahren war, kannten dafür plädiert. Das trieb mir die Tränen in die Augen und machte mich zugleich furchtbar wütend.

Ihr kennt mein Kind nicht!

Ich bin mir ziemlich sicher verstanden zu haben, worum es Mo in ihrem Rant ging. Mir geht es nicht darum, das Ganze unnötig aufzuheizen.

Gestern Abend, als ich den Beitrag beim Einschlafstillen des Jüngsten las, da wäre ich fast in Tränen ausgebrochen. Weil ich jeden Tag hoffe, dass andere Menschen, wie Lehrer, Erzieher und Eltern mein Kind nicht nur so sehen: Was aus dem wird ist ja klar! 

Ich weiß, wie sie sich gefühlt haben muss. Sein Kind dort so hilflos sehen zu müssen, obwohl man gleichzeitig so stolz ist, dass es kurz vorher seine eigenen Ängste überwunden hat. Mein drittes Kind ist nämlich ganz genau dieses Kind.

Den Appell für “Erziehung zur Menschlichkeit“ habe ich verstanden, finde ich wichtig und richtig.

Aber gleichzeitig empfinde ich einige Passagen des Textes sehr überspitzt und furchtbar ungerecht. Denn ich habe auch noch dieses Kind auf der anderen Seite, das Nachtretende, dass vielleicht auch schon mal solch einen Spruch gebracht hat!? Schnell genervt ist. Zumindest derzeit. Mal von den Brüdern, mal von uns oder Fremden.

Wir kennen unsere Kinder, wir wissen wie sie ticken, versuchen sie zu stärken. Für das Leben. Wir geben ihnen Zeit. Aber diese Zeit muss doch auch den Anderen gewährt werden. Das Verständnis hört nicht beim eigenen Kind auf.

Mein Kind, der zukünftig abwesende Vater!?

Wenn der erste Eindruck, aufgrund eines Spruches beim Kinderturnen, Aufschluss über das zukünftige Dasein meines ältesten Kindes als zukünftiger Vater gibt. Dann würde ich schwarz sehen.

Glücklicherweise kenne ich meinen Sohn und seine wundervollen Seiten ebenso wie die, an denen er eben noch wachsen muss. Die, die ihm oft im Weg stehen. Aber das darf so sein. Denn erst noch ein Kind!

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